Smart Stax

Umstrittener Gen-Mais kommt nach Europa

30. 07. 2013

Frisch auf den Markt

 

Umstrittener Gen-Mais kommt nach Europa

Astrid Halder, Hendrik Loven

 

Es klingt wie Science Fiction: Ein Mais, so genverändert, dass er selbst Gifte gegen Schädlinge produziert. So widerstandsfähig, dass er zusätzlich mit Tonnen von Unkrautvernichtungsmitteln gespritzt werden kann. Die Tiere bekommen ihn als Futter und landen als Steaks oder Koteletts auf unseren Tellern.

 

Das wird bald Wirklichkeit in Deutschland. Der Agrarriese Monsanto hat es geschafft, dass sein Super-Gen-Mais SmartStax in der EU als Futtermittel kurz vor der Zulassung steht.

 

Wir fahren zu einem Gentechnik-Kritiker und Molekularbiologen nach Frankreich. Professor Séralini hat Studien zu Genmais gemacht und warnt vor SmartStax.

 

Professor Séralini, Universität Caen, Frankreich: Der ist der Allerschlimmste. Er hat sechs Pestizide. Das ist eine Pestizidbombe. 6 Insektizide, die sind kaum auf Gesundheitsrisiken getestet. (…) Und die Behörden sind unfähig, diese Test zu fordern.“

 

Denn die Zulassungen beruhen auf von Monsanto bezahlten Studien.

 

Séralinis Sorgen beruhen auf seinen Untersuchungen: Darin fütterte er Ratten über zwei Jahre mit einem gentechnisch veränderten Mais. Die Tiere hatten danach Tumore und waren unfruchtbar.

 

Seralinis Studie ist wegen seiner Methode umstritten. Der Hersteller Monsanto schreibt dazu:

 

"Keine einzige Studie konnte eine toxische Wirkung von gentechnisch veränderten Futtermitteln nachweisen."

 

Monsanto. Einer der größten Agrarkonzerne weltweit. Viele Milliarden Euro setzt der Landwirtschaftsriese aus den USA im Jahr allein um durch Patente auf gentechnisch-verändertes Saatgut.

 

Doch es gibt noch mehr Hinweise, dass SmartStax bedenklich sein könnte. Vor kurzem veröffentlichte die australische Forscherin Judy Carman eine Fütterungs-Studie an Schweinen.

 

Ergebnis: Die Schweine hatten nach der Fütterung durch Gen-Mais schwere Entzündungen in Magen und Darm.

 

Wieder entgegnet Monsanto, die Studie sei nicht objektiv.

 

Das Bundesamt für Naturschutz warnt im Gespräch mit Report jedoch vor der Zulassung.

 

Beatrix Tappeser, Bundesamt für Naturschutz: „Da sehen wir Probleme, dass der Antragssteller nicht genügend Daten vorgelegt hat, um zum Beispiel Wechselwirkungen zwischen diesen einzelnen Genen, den Eiweißen, den Giften die er bildet, bewerten zu können. Und das betrachten wir aus Umwelt und Naturschutzsicht als großes Defizit.“

 

Warum wurde auf das Bundesamt nicht gehört? Wir fahren nach Bonn, treffen einen Insider.

 

Wolfgang Köhler war Referatsleiter für Gentechnik im Bundesland-wirtschaftsministerium. Das erste Mal gibt er ein TV-Interview. Über seinen Schreibtisch gingen alle Papiere, auch von Monsanto.

 

Wolfgang Köhler, Ehem. Referatsleiter Gentechnik, Bundesland-wirtschaftsministerium:

 

„Aus meiner Sicht gab es praktisch nie auch nur einen Unterschied zwischen Monsanto und der amerikanischen Regierung! Die amerikanische Regierung hat sehr oft richtig diplomatische Marschen geschickt, wenn es um irgendwelche Zulassungsanträge für Produkte für amerikanische Firmen ging oder gentechnisch veränderte Konstrukte.“

 

Das belegen von WikiLeaks veröffentlichte diplomatische Schreiben von 2008.

 

In dem sensiblen Dokument heißt es: Wegen der gentechnisch-kritischen Stimmung in Deutschland, sagt der Münchner Generalkonsul, dass er sich weiterhin für die Gen- und Biotechnik einsetzt, damit Monsanto fairer behandelt wird.

 

Der Druck über die US-Diplomaten scheint zu wirken. Denn jetzt, fünf Jahre später, wird das einst so kritische Deutschland ausgerechnet SmartStax den Weg bereiten: Bei der entscheidenden Abstimmung in Brüssel enthielt sich Deutschland, stimmte nicht dagegen. Jetzt darf die gentechnikfreundliche EU-Kommission entscheiden, und die will SmartStax in den nächsten Tagen genehmigen.

 

Wir fragen die zuständige Landwirtschaftsministerin beim CSU Parteitag vor einigen Tagen.

 

Ausflüchte:

 

Ilse Aigner, Bundeslandwirtschaftsministerin: „Das Abstimmungsverhalten hätte bei uns nichts verändert und an der grundsätzlichen Frage, dass keine qualifizierte Mehrheit dafür, keine qualifizierte Mehrheit dagegen zustande gekommen ist, und deshalb muss die Kommission jetzt selbst entscheiden.“

 

Sie macht es sich einfach. Doch welche Auswirkungen hat SmartStax womöglich auf den Menschen? Der Gen-Mais wird auch mit einem umstrittenen Unkrautvernichtungsmittel gespritzt, Glyphosat. Das Pflanzengift steht im Verdacht unfruchtbar zu machen. Das Mittel gibt es schon in der EU und würde durch SmartStax noch mehr verbreitet. Umweltverbände sind alarmiert.

 

Denn SmartStax verträgt sehr hohe Dosen Glyphosat. Das bedeutet, es würde noch mehr eingesetzt. Die Belastung der Umwelt und der Menschen mit dem Unkrautvernichtungsmittel würde zwangsläufig zunehmen.

 

Der BUND testete in 18 EU-Ländern menschlichen Urin auf Glyphosat.

 

Heike Moldenhauer, BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.: „Wir haben hier die Zeile für Deutschland, wir haben 10 Proben genommen und haben in 7 von 10, also in 70 Prozent Glyphosat im Urin gefunden, die dann wahrscheinlich Glyphosat über die Nahrung aufgenommen haben.“

 

Diese Untersuchungen werden von Monsanto zurückgewiesen, es seien zu wenige Proben, alles nicht belastbar.

 

Wir wollen das überprüfen, lassen uns selber testen. Wir geben Urinproben von zwei Reportern in einem Prüflabor in Bremen ab. Innerhalb weniger Tage bekommen wir das Ergebnis…

 

Dr. Hoppe Medizinisches Labor Bremen: „In der ersten Probe finden wir tatsächlich Glyphosat in einer deutlichen, deutlichen Menge. In der zweiten Probe ist die Konzentration sehr viel geringer.“

 

Glyphosat im Urin, ein Unkrautvernichtungsmittel. Zwar unter dem Grenzwert, aber Zweifel bleiben.

Mit Smartstax steht eine weitere gentechnisch veränderte Pflanze vor der Zulassung in der EU, die mit Glyphosat gespritzt wird. Warum wird so wenig auf kritische Wissenschaftler gehört?

 

Wolfgang Köhler, Ehem. Referatsleiter Gentechnik, Bundesland-wirtschaftsministerium:

 

Wenn sie als Wissenschaftler kritische Positionen gegenüber der Gentechnik vertreten, sind sie mehr oder weniger weg vom Fenster. D.h. sie werden nie wieder Geld aus der Industrie bekommen und somit sind sie praktisch als Wissenschaftler nicht mehr handlungsfähig. (…) mein Vertrauen ist (…) doch stark eingeschränkt.“

Petition

Die Gentechnikfrei BI hat unter "Change" eine Petition gestartet, die an den EU-Verbraucherkommissar Tonio Borg gerichtet war. Titel der Petition:

 

"Kein genmanipulierter Mais nach Europa!"

 

Das Report-Manuskript wurde außer in deutsch auch in englisch, niederländisch und polnisch in den geweiligen Ländern veröffentlicht.

 

Manuskript englisch

Manuskript niederländisch

Manuskript polnisch

 

Presse